Die Gefahr ist noch gar nicht da. Dein Nervensystem reagiert trotzdem.
Kennst du das? Manchmal genügt ein ganz kleiner Auslöser und plötzlich scheint sich alles nur noch um dieses eine Thema zu drehen.

Mir ging das vor Kurzem so.
Vor unserem Haus wurde eine Baustelle angekündigt. Eigentlich nichts Besonderes. Doch genau in diesen zwei Wochen stand bei der Arbeit eines der größten Events des Jahres an. Ich bin dort für das Gästemanagement verantwortlich und wusste schon vorher, dass diese Zeit fordernd werden würde.
Als ich den Zettel las, begann mein Kopf sofort zu arbeiten. Wie soll ich das schaffen? Ausgerechnet jetzt. Den ganzen Tag Baulärm im Homeoffice? Vielleicht fahre ich einfach jeden Tag ins Büro. Doch kaum war der Gedanke da, folgte schon der nächste. Dann würde ich jeden Tag zwei Stunden zusätzlich unterwegs sein. Und wenn die Bahn wieder Verspätung hat? Das wäre in dieser Woche wirklich das Letzte, was ich gebrauchen könnte.
Also suchte mein Kopf weiter nach einer besseren Lösung. Vielleicht könnte ich bei meinem Onkel arbeiten. Für einen kurzen Moment fühlte sich dieser Gedanke richtig gut an. Bis sofort der nächste Einwand auftauchte. Dort hatte ich noch nie gearbeitet. Was, wenn ich mich in der ungewohnten Umgebung gar nicht konzentrieren könnte? Am Ende würde ich jeden Tag quer durch die Gegend fahren und hätte das nächste Problem schon wieder im Gepäck.
So ging das eine ganze Weile. Für jede Idee fand mein Kopf sofort den nächsten Haken. Keine Lösung fühlte sich wirklich gut an und mit jedem neuen Gedanken schien das Problem ein bisschen größer zu werden.
Irgendwann hielt ich mitten in diesem Gedankenkarussell inne.
Moment mal. Ich weiß doch noch gar nicht, wie schlimm das überhaupt wird.
Bis jetzt existierte die Baustelle nur auf einem Zettel. Alles andere spielte sich in meinem Kopf ab. Also beschloss ich, erst einmal abzuwarten. Ich wollte erleben, wie sich das Arbeiten tatsächlich anfühlen würde. Nach einer Alternative konnte ich immer noch suchen, wenn es wirklich nötig sein sollte.
Der Tag, an dem die Baustelle wirklich kam

Am Montagmorgen begann mein Arbeitstag deshalb ganz normal. Ich machte mir einen Tee, fuhr den Computer hoch und startete in meine Aufgaben. Draußen war es zunächst erstaunlich ruhig. Gegen Mittag hörte ich die ersten Bagger. Jetzt geht’s los, dachte ich, und wartete fast darauf, dass ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren könnte. Stattdessen beantwortete ich erst einmal eine Mail. Dann noch eine. Zwischendurch wurde es so laut, dass ich in den anderen Raum wechselte und mir für eine Besprechung Kopfhörer aufsetzte. Und dann arbeitete ich einfach weiter.
Es war anders als sonst. Aber ich konnte arbeiten. Je länger der Tag dauerte, desto seltener dachte ich noch über die Baustelle nach. Ich beantwortete Mails, führte Gespräche, bereitete das Event vor und arbeitete eine Aufgabe nach der anderen ab.
Kurz vor Feierabend schaute ich auf meine To-do-Liste. Ich hatte erstaunlich viel geschafft. Und noch etwas überraschte mich: Obwohl draußen den halben Tag gebaut worden war, fühlte ich mich deutlich entspannter, als ich es das ganze Wochenende erwartet hatte.
Als ich den Computer ausschaltete, musste ich plötzlich schmunzeln. Das ganze Wochenende hatte ich mir ausgemalt, wie schwierig diese zwei Wochen werden würden. Ich hatte nach Alternativen gesucht, verschiedene Möglichkeiten durchgespielt und versucht, das beste Szenario zu finden. Und jetzt, wo die Baustelle tatsächlich da war und es tatsächlich laut gewesen war, hatte ich trotzdem meine Arbeit geschafft und fühlte mich dabei sogar deutlich entspannter, als ich es erwartet hätte. Irgendetwas passte hier nicht zusammen. Ich hatte zwei Tage unter einer Baustelle gelitten, die es noch gar nicht gab. Und an dem Tag, an dem sie tatsächlich vor meinem Fenster stand, war sie längst nicht so präsent, wie ich befürchtet hatte.
Eine Frage, die alles ins Wanken brachte

Erst da stellte ich mir eine Frage, die mich bis heute begleitet:
War das heute eigentlich wirklich eine Gefahr für mich?
Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde die Antwort. Nein.
Die Baustelle war unangenehm. Sie hatte mich immer wieder aus meiner Konzentration geholt. Ich musste den Raum wechseln, zwischendurch die Kopfhörer aufsetzen und manches anders organisieren als sonst. Aber sie hatte mich nicht daran gehindert, meine Arbeit zu machen.
Mir wurde plötzlich bewusst, dass gar nicht der Teil von mir, der nachdenkt und abwägt, diesen Alarm ausgelöst hatte. Es war ein viel älterer, schnellerer Teil in mir, der die Situation schon lange vor dem ersten Bagger wie ein großes Problem behandelt hatte. Nicht, weil sie tatsächlich so bedrohlich gewesen wäre. Sondern weil dieser ältere Teil verhindern wollte, dass ich in einer ohnehin anstrengenden Woche noch zusätzlich belastet werde. Das fand ich eigentlich ziemlich liebevoll. Er wollte mich schützen. Nur hatte er dabei etwas übersehen: Er konnte gar nicht wissen, wie sich die Situation tatsächlich entwickeln würde. Er hatte vorsorglich schon einmal den Alarm eingeschaltet, lange bevor der nachdenkende Teil in mir überhaupt die Chance hatte, sich das genauer anzuschauen. Und ich war ihm die ganze Zeit gefolgt.
In den nächsten Tagen wurde die Baustelle fast zu einem kleinen Experiment. Nicht, weil ich sie besonders spannend fand. Ehrlich gesagt hätte ich gut darauf verzichten können. Aber ich begann zu beobachten, was in mir passierte. An manchen Tagen fiel mir der Lärm sofort auf. Ich merkte, wie mein Kopf ihn registrierte und für einen kurzen Moment alles andere in den Hintergrund rückte. Fast automatisch wollte ich mich darüber ärgern. Doch diesmal tauchte fast genauso automatisch eine andere Frage auf: Muss ich diesem Geräusch jetzt wirklich meine ganze Aufmerksamkeit schenken?
Allein diese Frage veränderte etwas. Nicht draußen vor dem Fenster. Dort wurde genauso weitergearbeitet wie vorher. Aber in mir entstand plötzlich ein kleiner Abstand. Ich konnte wahrnehmen, dass der Lärm da war, ohne ihm sofort den Mittelpunkt meines Tages zu überlassen.
Je öfter ich das bemerkte, desto neugieriger wurde ich. Vielleicht war das gar nicht nur bei Baustellen so. Vielleicht gab es noch viele andere Situationen, in denen mein Kopf etwas sofort in den Mittelpunkt stellte, obwohl es das gar nicht musste. Nicht, weil er mir schaden wollte. Sondern weil er glaubte, mich beschützen zu müssen.
Was eigentlich dahintersteckt

Was in mir ablief, hat übrigens eine ziemlich nüchterne Erklärung. Unser Nervensystem unterscheidet nicht zwischen einer echten Gefahr und einer gedachten. Es schlägt vorsorglich Alarm, lange bevor überhaupt etwas passiert ist, eine uralte Schutzstrategie, die uns eigentlich vor echten Bedrohungen bewahren sollte. Nur reagiert sie heute genauso zuverlässig auf eine Baustelle vorm Fenster wie früher auf echte Gefahr. Das System kann nicht zwischen „das könnte gefährlich werden“ und „das ist gerade gefährlich“ unterscheiden. Das müssen wir selbst tun. Genau da setzt die Frage an, die seitdem meine ständige Begleiterin geworden ist.
Die Frage, die mir seitdem hilft
Seitdem frage ich mich in solchen Momenten etwas seltener, wie ich ein Problem möglichst schnell lösen kann. Viel häufiger frage ich mich:
Verdient dieses Thema gerade wirklich so viel Aufmerksamkeit?
Manchmal lautet die Antwort: Ja. Dann kümmere ich mich darum. Und manchmal lautet sie: Nein. Dann darf das Thema mitreisen. Aber es muss nicht am Steuer sitzen.
Was ist es bei dir gerade, das lauter klingt, als es eigentlich ist? Und was würde passieren, wenn du es heute einfach mitreisen lässt, statt ihm das Steuer zu überlassen?
Alles Liebe und viel Spaß beim Ausprobieren.

Wenn dich solche Gedanken berühren
Dann lade ich dich herzlich zu meiner Herzenspost Seelenklang und Gedankenfäden ein. Dort findest du in unregelmäßigen Abständen Gedanken und Lieder, die dich erinnern.

Begleiterin für liebevolles Selbstcoaching und innere Neuorientierung.Ich unterstütze Menschen dabei, sich aus alten Mustern zu lösen, mehr Selbstklarheit zu gewinnen und ihre Innenwelt tiefer zu verstehen. Nicht durch Druck oder Selbstoptimierung – sondern durch liebevolle Rückbindung an das, was wirklich wichtig ist. Mein Weg hat sich in den letzten Jahren gewandelt: Weg von oberflächlicher Problemlösung, hin zu einer bewussten Umprogrammierung unseres unbewussten Systems.
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