Wenn du einfach nicht mehr erschöpft sein willst: Warum genau das noch mehr Kraft kosten kann

Es ist Samstagmorgen und eigentlich hattest du dich auf diesen Tag gefreut. Die ganze Woche über gab es Dinge, für die einfach keine Zeit war. Vielleicht wolltest du endlich mal wieder raus, dich mit jemandem treffen oder dich um etwas kümmern, das schon länger liegen geblieben ist. Vielleicht hattest du auch gar nichts Besonderes geplant und dich einfach darauf gefreut, zwei Tage lang selbst entscheiden zu können, was du mit deiner Zeit machst.

Doch schon beim Frühstück merkst du, dass irgendetwas nicht so richtig passt. Du wirst einfach nicht wach. Dein Körper fühlt sich schwer an und selbst der Gedanke, gleich duschen zu gehen und dich fertig zu machen, ist plötzlich erstaunlich anstrengend. Eigentlich möchtest du dich nur wieder hinlegen. Augen zu. Schlafen. Nichts tun.

Und dann kommt dieser Gedanke: „Och nö. Nicht jetzt.“

Schließlich ist Wochenende. Du hast die ganze Woche gearbeitet, funktioniert und Dinge erledigt, die erledigt werden mussten. Jetzt sind endlich diese zwei Tage da, auf die du dich gefreut hast, und ausgerechnet jetzt bist du so erschöpft, dass du am liebsten gar nichts machen möchtest.

Also legst du dich nicht wieder ins Bett. Schließlich willst du nicht den ganzen Samstag verschlafen. Stattdessen setzt du dich vielleicht erst einmal an den Computer. Nur ein bisschen spielen. Nichts Anstrengendes. Einfach etwas, das Spaß macht und bei dem du abschalten kannst. Vielleicht bist du danach ja wieder etwas fitter.

Eine Weile funktioniert das sogar ganz gut. Du bist beschäftigt, denkst nicht mehr darüber nach, wie müde du bist, und der Samstag fühlt sich zumindest nicht vollkommen verloren an. Irgendwann schaust du auf die Uhr und stellst fest, dass aus dem „ein bisschen“ zwei Stunden geworden sind.

Du beendest das Spiel, stehst auf und merkst ziemlich schnell: Die Erschöpfung ist immer noch da.

Nur fühlt sie sich jetzt irgendwie noch unangenehmer an. Denn inzwischen ist es Nachmittag und zu der Müdigkeit gesellt sich langsam der Gedanke, dass du gerade einen ziemlich großen Teil dieses schönen freien Tages vor dem Computer verbracht hast. Dabei wolltest du doch eigentlich ganz andere Dinge machen. Vielleicht brauchst du einfach ein bisschen Energie. Also holst du dir etwas zu essen, machst dir noch einen Kaffee oder greifst zur Schokolade. Oder du beschließt, dich jetzt endlich aufzuraffen. Es kann schließlich nicht sein, dass du den ganzen Tag nichts zustande bekommst.

Irgendwann ist Samstagabend. Du bist immer noch müde. Und langsam kommt zu der Erschöpfung noch etwas anderes hinzu. Enttäuschung vielleicht. Oder Ärger. Schließlich hattest du diesen Tag ganz anders verbringen wollen. Stattdessen hast du das Gefühl, kaum etwas gemacht zu haben. Doch für heute Abend bist du noch zu einem Geburtstag eingeladen. Eigentlich hattest du dich darauf gefreut und kurz überlegst du, ob du absagen solltest. Aber dann wäre dieser Samstag endgültig gelaufen. Außerdem tut es dir vielleicht ganz gut, noch einmal rauszukommen, ein paar Menschen zu treffen und etwas Schönes zu erleben.

Also machst du dich fertig und fährst hin.

pfte Frau versucht auf einer Geburtstagsfeier einem Gespräch zu folgen.

Schon nach einer Weile merkst du allerdings, dass du nicht so richtig in den Abend hineinfindest. Um dich herum laufen Gespräche, jemand erzählt eine Geschichte, alle lachen und du merkst, dass du den Faden zwischendurch verloren hast. Du fragst noch einmal nach, worum es gerade ging, versuchst zuzuhören und schweifst kurze Zeit später wieder ab. Auch selbst hast du nicht besonders viel zu erzählen. Normalerweise würdest du dich vielleicht in die Gespräche einmischen, Fragen stellen oder mit jemandem in der Küche versacken und gar nicht merken, wie spät es geworden ist. Heute sitzt du eher dabei. Du hörst zu, wenn es gelingt, lächelst an den richtigen Stellen und merkst immer deutlicher, wie anstrengend selbst das gerade ist.

Irgendwann fragst du dich, wie lange du bleiben solltest. Schließlich bist du gerade erst gekommen. Jetzt schon wieder zu gehen fühlt sich auch komisch an. Also bleibst du noch ein bisschen, obwohl du längst spürst, dass du eigentlich nach Hause möchtest. Als du schließlich deine Jacke anziehst, bist du fast erleichtert. Die Feier war nicht schlecht. Niemand hat etwas falsch gemacht. Du warst einfach zu erschöpft, um sie so zu erleben, wie du es dir gewünscht hattest. Auf dem Heimweg kommt vielleicht kurz der Gedanke, dass du doch besser abgesagt hättest. Aber dann wäre da wieder dieser andere Gedanke: Sollst du denn jedes Mal auf alles verzichten, nur weil du müde bist?

Als du endlich im Bett liegst, hoffst du vor allem auf eines: Schlaf. Morgen ist schließlich auch noch ein Tag. Als du am Sonntagmorgen die Augen öffnest, brauchst du ein paar Sekunden, bevor du dich an gestern erinnerst. Dann drehst du dich um und spürst nach. Die Erschöpfung ist noch da. Vielleicht überrascht dich das inzwischen nicht einmal mehr. Trotzdem hattest du gehofft, dass eine Nacht Schlaf reichen würde. Dass du aufwachst und dich endlich wieder wie du selbst fühlst.

Du bleibst noch ein bisschen liegen, stehst irgendwann auf und machst dir einen Kaffee. Während du am Küchentisch sitzt, verändert sich langsam etwas. Gestern war Samstag. Da lag noch ein ganzes Wochenende vor dir. Heute ist Sonntag. Und morgen musst du wieder arbeiten. Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, dass du dein Wochenende anders verbringen wolltest. Jetzt taucht eine ganz andere Frage auf: Wie sollst du morgen wieder funktionieren, wenn du dich heute immer noch so fühlst?

Erschöpfte Frau sitzt am Sonntagmorgen nachdenklich am Küchentisch.

Du gehst den gestrigen Tag noch einmal durch. Vielleicht hättest du dich nachmittags doch hinlegen sollen, statt am Computer zu sitzen. Vielleicht war die Party keine gute Idee. Vielleicht hättest du früher nach Hause gehen müssen. Dabei hast du gestern eigentlich die ganze Zeit versucht, etwas gegen deine Erschöpfung zu tun. Du hast dich abgelenkt. Du hast versucht, trotzdem etwas Schönes zu erleben. Du hast gehofft, dass es dir danach besser geht. Doch nichts davon hat das eigentliche Problem gelöst. Du bist immer noch erschöpft. Und inzwischen hast du nur noch diesen einen Sonntag, um daran etwas zu ändern.

Was ist an diesem Wochenende eigentlich passiert?

Wenn wir von außen auf dieses Wochenende schauen, könnte man ziemlich schnell anfangen, nach den Dingen zu suchen, die nicht besonders hilfreich waren. Vielleicht war das Computerspielen keine gute Idee. Vielleicht hätte es bessergetan, sich gleich am Samstagmorgen noch einmal hinzulegen. Vielleicht hätte man die Party absagen oder zumindest früher nach Hause gehen sollen. Aber ich glaube, damit würden wir etwas viel Interessanteres übersehen.

Denn all diese Entscheidungen hatten erst einmal einen ziemlich nachvollziehbaren Grund. Du wolltest dich besser fühlen. Du wolltest deinen freien Samstag nicht erschöpft auf dem Sofa verbringen. Du wolltest etwas Schönes erleben, statt schon wieder auf etwas zu verzichten. Und spätestens am Sonntag wolltest du dich erholen, weil am nächsten Morgen eine neue Arbeitswoche auf dich wartete. Das Problem war also nicht unbedingt, was du gemacht hast. Computerspielen kann wunderbar entspannend sein. Ein Abend mit Freunden kann guttun. Schokolade kann einfach lecker sein und manchmal kann es genau richtig sein, sich trotz Müdigkeit aufzuraffen und etwas zu unternehmen.

Warum kostet der Kampf gegen deine Erschöpfung noch mehr Kraft?

Spannender finde ich die Frage, welche Aufgabe all diese Dinge in diesem Moment bekommen haben. Denn wenn du noch einmal an den Samstagmorgen zurückdenkst, war da zunächst einmal Erschöpfung. Du hast sie bemerkt und fast im selben Moment kam dieses „Och nö. Nicht jetzt.“ Du wolltest diesen Zustand nicht haben, weil er überhaupt nicht zu dem Tag passte, den du dir vorgestellt hattest.

Und ab diesem Moment ging es nicht mehr nur darum, wie du deinen Samstag verbringen möchtest. Es ging auch darum, diesen unerwünschten Zustand irgendwie zu verändern. Vielleicht war das Computerspiel zunächst eine Möglichkeit, dich abzulenken und für eine Weile nicht zu merken, wie müde du bist. Die Party war dagegen vielleicht der Versuch, die Erschöpfung zu übergehen. Du wolltest dir von ihr schließlich nicht auch noch den Abend nehmen lassen. Und als du am Sonntag immer noch erschöpft aufgewacht bist, bekam das Ganze noch einmal eine andere Dringlichkeit. Jetzt musste die Erschöpfung möglichst verschwinden, weil am nächsten Morgen der Montag auf dich wartete.

Das Tückische daran ist, dass wir diesen inneren Kampf häufig gar nicht als Kampf wahrnehmen. Wir erleben nur die einzelnen Dinge, die wir tun. Noch einen Kaffee trinken. Den Computer anschalten. Uns doch für die Party fertig machen. Eine Serie einschalten. Uns zusammenreißen und etwas unternehmen. Oder auch auf dem Sofa liegen und uns dabei die ganze Zeit fragen, warum wir eigentlich immer noch so müde sind.

Die Erschöpfung selbst muss dadurch nicht verschwinden. Aber zu ihr können nach und nach innere Anspannung, Enttäuschung oder Sorgen dazukommen. Und plötzlich kostet uns nicht mehr nur die ursprüngliche Erschöpfung Kraft, sondern auch unser Versuch, sie möglichst schnell wieder loszuwerden.

Ablenkung oder Selbstfürsorge: Der Unterschied liegt nicht immer darin, was du tust

Keine dieser Tätigkeiten ist an sich das Problem. Entscheidend ist vielmehr, ob ich mich mit ihnen gerade um mich kümmere oder ob ich versuche, mich mit ihrer Hilfe über meinen momentanen Zustand hinwegzusetzen. Dieser Unterschied kann von außen winzig aussehen. Vielleicht liege ich in beiden Fällen auf dem Sofa und schaue einen Film. In dem einen Fall merke ich, dass ich erschöpft bin, mache es mir gemütlich und entscheide mich für einen Film, weil sich genau das gerade gut anfühlt. Im anderen Fall starte ich die nächste Folge, damit ich möglichst nicht darüber nachdenken muss, wie erschöpft ich bin und dass mein Wochenende gerade ganz anders verläuft, als ich es mir gewünscht habe.

Auch die Party hätte in einer anderen Situation genau das Richtige sein können. Vielleicht hätte ich gespürt, dass ich zwar müde bin, aber trotzdem Lust auf die Menschen dort habe. Vielleicht hätte ich mir erlaubt, nur eine Stunde zu bleiben und wieder zu gehen, sobald ich merke, dass es mir zu viel wird. Dann wäre die Entscheidung nicht gegen meine Erschöpfung gefallen, sondern mit ihr im Blick. Genau dieser kleine Unterschied hat meinen Umgang mit Erschöpfung verändert.

Der innere Kampf muss nicht die Ursache deiner Erschöpfung sein. Aber er kann zu einer zusätzlichen Belastung werden, während du ohnehin schon wenig Kraft hast.

Wann wird aus Erschöpfung ein Kreislauf?

Denn wenn ich gegen meine Erschöpfung kämpfe, entsteht leicht ein Kreislauf. Ich möchte mich nicht so fühlen, also versuche ich, den Zustand loszuwerden oder ihn zumindest eine Weile nicht zu spüren. Wenn das nicht funktioniert, werde ich enttäuschter, unruhiger oder mache mir Sorgen. Dadurch kostet mich der Tag noch mehr Kraft und die Erschöpfung bekommt immer mehr Bedeutung. Also versuche ich noch dringender, etwas gegen sie zu tun.

Und irgendwann kämpfe ich nicht mehr nur mit meiner Erschöpfung, sondern auch mit allem, was inzwischen um sie herum entstanden ist.

Wenn ich mich stattdessen frage, was ich in diesem Zustand gerade brauche, gibt es keine Garantie dafür, dass ich am Sonntagabend plötzlich voller Energie auf dem Sofa sitze. Vielleicht bin ich immer noch erschöpft. Vielleicht brauche ich sogar länger, als mir lieb ist. Und natürlich kann Erschöpfung ganz unterschiedliche Ursachen haben. Wenn du dich über längere Zeit ungewöhnlich erschöpft fühlst oder deine Erschöpfung trotz Ruhe nicht besser wird, würde ich deshalb immer auch ärztlich abklären lassen, was dahinterstecken könnte. Aber ganz unabhängig davon kann es einen Unterschied machen, ob du zusätzlich gegen diesen Zustand ankämpfst oder dich in diesem Moment so gut wie möglich um dich kümmerst. Und genau das der erste Unterschied, den es sich zu bemerken lohnt.

Vielleicht achtest du beim nächsten „Och nö, nicht jetzt“ einmal darauf, was danach passiert. Nicht, um es sofort anders zu machen. Sondern einfach, um zu bemerken, wann aus deiner Erschöpfung langsam ein Kampf gegen deine Erschöpfung wird.

Wenn dich solche Gedanken berühren

Dann lade ich dich herzlich zu meiner Herzenspost Seelenklang und Gedankenfäden ein. Dort findest du in unregelmäßigen Abständen Gedanken und Lieder, die dich erinnern.

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